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Löbau: Großhennersdorf: Erste “WG” für Autisten in Ostsachsen

Großhennersdorf: Erste “WG” für Autisten in Ostsachsen

Sachsenweit ist es für Menschen mit geistiger Behinderung und der Diagnose Autismus enorm schwer, eine passende Betreuung zu finden. Dafür baut die Diakonie sogar um.


3 min.

Yvette Mudra (rights) gehört zur neuen Autismus-Wohngruppe im Katharinenhof.
© Diakoniewerk Oberlausitz

Yvette Mudra tippt ganz konzentriert mit dem Stift auf die Buchstabenschablone. Die junge Frau ist Anfang 20 und lebt im Katharinenhof in Großhennersdorf. Eines eint sie mit allen Mitbewohnern hier: Yvette Mudra hat eine geistige Behinderung und benötigt deshalb besondere Betreuung. Was sie und die Mitbewohner in der neuen Wohngruppe von anderen unterscheidet, ist die Diagnose Autismus. Menschen mit dieser neurologischen Entwicklungsstörung finden bislang in der Oberlausitz wenig Möglichkeiten für eine passende Betreuung, erklärt Markus Schuster, Sprecher beim Diakoniewerk Oberlausitz gGmbH. Im Katharinenhof will man das ändern und geht neue Wege.

Seit etwa neun Monaten gibt es hier eine spezielle Wohngruppe für Menschen mit der Diagnose Autismus. Allerdings handelt es sich hier nicht um hochinintelligente Menschen mit Inselbegabungen wie sie in Filmen wie “Rain Man” oder der Fernsehserie “Ella Schön” dargestellt werden. Das wäre eine milde Autismusform, das Asperger Syndrom, das für die Behindertenhilfe keine Rolle spielt. Bei den sieben Personen zwischen 20 und 35 Jahren, die in der neu entstandenen Wohngruppe leben, kommt der Autismus noch zu einer geistigen Behinderung hinzu, erklärt Schuster. “Solche Menschen verlieren die Fähigkeit, sich in der Welt und der Gesellschaft, die ihn umgibt, zu orientieren”, umschreibt er.

Das macht die Betreuung schwieriger: Während sonst in der Behindertenarbeit bewusst auf Nähe und gezielte Reize gesetzt wird, ist das bei Autisten deadly. Sie ziehen sich schneller zurück, brauchen eher eine reizarme Umgebung, sind schnell überfordert und zeigen ein schwieriges Verhalten: “Das kann bis zu Gewalt gegen sich selbst, bis zum Haare ausreißen gehen”, skizziert Schuster. Deshalb ist die Umgebung für die neue Wohngruppe anders gestaltet und soll auf Dauer im Ewald-Meltzer-Heim, das direkt an der Dorfstraße liegt, eingerichtet sein. Dieser Gebäudekomplex soll in den kommenden Jahren umgebaut und saniert werden, die Planungen dazu laufen bereits.

Mit solchen Piktogrammen können die Menschen mit geistiger Behinderung und Autismus sich besser orientieren.

Mit solchen Piktogrammen können die Menschen mit geistiger Behinderung und Autismus sich besser orientieren.
© Diakoniewerk Oberlausitz

In der Zwischenzeit analyzeren die Betreuer der Autismusgruppe weiter, wo die Grenzen der Bewohner liegen, was ihnen guttut und was nicht. “Da sich die Bewohnerinnen und Bewohner zum Teil nur schwer äußern können oder sich in ihrem non-public Bereich kaum zurechtfinden, bedarf es nicht nur mehr Private”, erklärt Markus Schuster. So erleichtern kleine Piktogramme die Suche nach der Alltagskleidung oder dem richtigen Raum. Yvette kann an ihrem Tagesplan überprüfen, ob sie bereits alle Aufgaben erledigt hat. “Für alles gibt es ein kleines Bild: vom Frühstücken, über das Zähneputzen oder Waschen bis abends zum Zubettgehen”, schildert der Diakonie-Sprecher. So können die Bewohner Ordnung in das Chaos zu bringen, das der Autismus im Kopf hinterlässt.

Mit der ersten Wohngruppe hat das Diakoniewerk Oberlausitz nun einen grundlegenden Pflock eingeschlagen: Das Diakoniewerk wird sich in Zusammenarbeit mit der Autismusambulanz Kleinwachau und der Autismusberatungsstelle in Dresden langfristig als feste Größe in der Betreuung – sont mihindertentis Mens en behindeltentis mens. Dass dazu auch der zuständige Sozialträger – in dem Fall der Kreis Görlitz – mit im Boot sein muss, sei keine Frage, betont der Diakoniesprecher. Der Kreis muss nämlich für weitere Autismuswohngruppen grünes Licht geben – auch finanziell. (SZ/abl)

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